Die britischen Wärmeschutzvorschriften (Part O, Building Regulations 2021) und der Methodenleitfaden TM59 des CIBSE (Chartered Institution of Building Services Engineers) bilden zwei ergänzende Referenzrahmen zur Bewertung des Überhitzungsrisikos in Wohngebäuden. Diese ursprünglich im angelsächsischen Kontext entwickelten Methoden gewinnen zunehmend an operativer Relevanz für Ingenieurbüros und Fachplaner, die an Wohnbauprojekten mit hoher Solarexposition arbeiten – auch auf dem europäischen Festland.
Grundlagen der TM59-Methode (CIBSE)
Die TM59-Methode basiert auf einer dynamischen thermischen Simulation (DTS) des Gebäudes. Das Überhitzungsrisiko wird anhand von zwei Hauptkriterien bewertet:
-
Adaptives Kriterium (Aufenthaltsräume): Der Anteil der Stunden, in denen die operative Temperatur den adaptiven Komfortschwellenwert gemäß EN 15251 (bzw. EN 16798-1) überschreitet, darf 3 % der jährlichen Belegungsstunden nicht übersteigen.
-
Absolutes Kriterium (Schlafzimmer): Die operative Temperatur darf während mehr als 1 % der Schlafstunden (22:00–7:00 Uhr) nicht über 26 °C liegen.
Diese Schwellenwerte werden anhand meteorologischer Referenzdaten eines repräsentativen Warmjahres (TRY – Test Reference Year) oder eines Spitzenauslegungsjahres (DSY – Design Summer Year) bewertet.
Part O (Building Regulations England, Teil O)
Part O trat in England im Juni 2022 in Kraft. Für alle neuen Wohngebäude oder wesentliche Erweiterungen ist ein regulatorischer Nachweis des Überhitzungsrisikos vorgeschrieben. Zwei Nachweisverfahren sind möglich:
- Vereinfachtes Verfahren: Konformitätsprüfung anhand vordefinierter Tabellen mit maximalen Glasflächenanteilen je Ausrichtung sowie Anforderungen an den Sonnenschutz.
- Dynamisches Verfahren: vollständige thermische Simulation nach TM59 mit rechnerischem Nachweis der Einhaltung der Stundenkriterien.
Ausrichtung, Verhältnis Glasfläche zu Grundfläche und Sonnenschutzmaßnahmen (innen oder außen) sind die drei wesentlichen Konformitätshebel.
Die Rolle von Sonnenschutzfolien in TM59/Part-O-Simulationen
Sonnenschutzfolien fließen in dynamisch-thermische Simulationen über zwei Parameter ein:
- Den gesamten Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert) des Systems Verglasung+Folie, der den in den Raum eindringenden Solarenergieanteil bestimmt. Eine Folie, die den g-Wert der Verglasung von 0,80 (Standard-Doppelverglasung 4/15/4) auf 0,30 senkt, reduziert die Solareinträge um mehr als 50 %.
- Die sichtbare Lichttransmission (VLT), welche die verfügbare Tageslichtmenge bestimmt und in der Lichtbilanz berücksichtigt werden muss.
Beide Werte sind in den Datenblättern der Folien angegeben und können direkt in dynamisch-thermische Simulationssoftware (IES-VE, TRNSYS, EnergyPlus, DesignBuilder) über Materialbibliotheken eingespeist werden. Das Ingenieurbüro gibt den g-Wert des Systems Verglasung+Folie in den Baukonstruktionsparametern ein, was die stündliche Berechnung der Solareinträge pro Zone verändert.
Schwellenwerte und Interpretation der TM59-Ergebnisse
In einer TM59-Simulation gilt ein Wohngebäude als überhitzungsgefährdet, wenn:
- Mehr als 3 % der jährlichen Belegungsstunden den adaptiven Schwellenwert in Aufenthaltsräumen überschreiten;
- Mehr als 1 % der Nachtstunden (22:00–7:00 Uhr) eine Temperatur von 26 °C in Schlafzimmern übersteigen.
Der Einsatz einer Sonnenschutzfolie mit hohem TSER an exponierten Verglasungen (insbesondere Ost-, Süd- und Westausrichtung) kann in Grenzfällen ausreichen, um diese Schwellenwerte zu unterschreiten. Bei Randfällen wird von Thermikern häufig die Kombination Folie + Nachtlüftung (passiver Ansatz) empfohlen. Die Methode der Kombination Folie + Nachtlüftung wird in einem speziellen Artikel zur passiven Sommerkomfort-Strategie durch Kombination von Sonnenschutzfolie und Nachtlüftung näher erläutert.
Kompatibilität mit der französischen Norm RE2020
Die RE2020 integriert seit dem 1. Januar 2022 einen Sommerkomfort-Indikator (DH – Überhitzungsgradstunden). Sonnenschutzfolien senken den simulierten DH-Wert, indem sie die Solareinträge (Qs) reduzieren. Obwohl die RE2020 weder Part O noch TM59 explizit referenziert, sind die Berechnungsmethoden kompatibel; Ingenieurbüros nutzen TM59 häufig als ergänzendes Diagnosewerkzeug bei Projekten mit hoher Solarexposition. Für Projekte, die einer strengen Energiezertifizierung (LEED, BREEAM) oder der RE2020 unterliegen, ist die Konformität mit der im Lastenheft vorgeschriebenen Norm bindend.
Praktische Empfehlungen für Fachplaner
- Kritische Verglasungen identifizieren: Süd-, Ost- und Westausrichtungen mit hohem Glasflächenanteil.
- Foliendatenblätter korrekt in die DTS-Software einpflegen mit den genauen g-Wert- und VLT-Angaben.
- g-Wert der Verglasung allein (ohne Folie) vom g-Wert des Gesamtsystems (mit Folie) unterscheiden.
- TM59-Ergebnis mit einer Blendschutzanalyse abgleichen: Folien mit stark reduziertem g-Wert können Auswirkungen auf VLT und visuelle Raumqualität haben.
Für die Auswahl einer Hochleistungs-Sonnenschutzfolie, die den regulatorischen Überhitzungsanforderungen entspricht, bietet Solar Screen eine Kollektion von Referenzen mit technischen Daten nach EN 410, die direkt in thermische Simulationen integrierbar sind.
